Das Wissen der ‚Älteren’ – Welches Management ist erforderlich?
Dieses ist der dritte Ansatz die gestellte Lernaufgabe zu beantworten. Beide vorherigen sind im Endeffekt an der Tatsache gescheitert, dass es keinen Platz für eine Einbindung des Faktors ‚Alter’ in die beiden Modelle gibt. ‚Wissen’ und ‚Alter’ sind zwei voneinander unabhängige Größen, die in keiner direkten Korrelation zueinander stehen. Ja, es wird Zeit benötigt um sich Wissen anzueignen und Erfahrung(-swissen) zu sammeln, aber damit ist rein zu konstatieren, dass der Mensch dabei älter wird. Ob er sich aber das für eine Organisation benötigte Wissen im Laufe seines Lebens mit steigendem Alter angeeignet hat, ist damit keinesfalls sichergestellt. Ausschlaggebend ist somit in Bezug auf den Beitrag des Individuums zur Wissensbasis der Organisation nicht das Alter der Person sondern das ‚wissensbasierte Handeln’ im Münchener Modell und der Baustein ‚Wissenserwerb’ nach Probst et al.
Das Beispiel des japanischen Drehers, der seinen jüngeren Kollegen an einer Drehbank einarbeitet, zeigt eigentlich nur die ‚Sünden’ der jüngeren Vergangenheit bei der Einstellung und Einarbeitung neuer Mitarbeiter. Es kommt nicht von ungefähr, dass ein Großvater-Enkel Verhältnis zwischen den beiden Personen unseres Beispiels vorliegt. Die Zwischengeneration fehlt und damit das erforderliche Bindeglied, um vorhandenes Handlungswissen in der Firma ohne Rückgriff auf eigentlich aus dem aktiven Arbeitsleben ausgeschiedene Personen zu konservieren. Greift man die im Kommentar benutzte Aussage der „Angst vor dem ‚brain-drain’“ auf, so könnte man in Form eines Wortspiels simpel und einfach behaupten, dass die Firma den richtigen Zeitpunkt für einen ‚brain-GAIN’ verpasst hat.
Um es nochmals klar und einfach zu sagen: Es geht nicht um ein optimales Management des Wissens der älteren Menschen, sondern um ein Management des Wissens der [für die Aufgabe qualifizierten und im Umfeld erfahrenen,] ‚wissenden’ Menschen.
Hierbei können, wie am Beispiel des in die Firma zurückgeholten japanischen Drehers zu sehen, Wissen und Alter zusammenfallen. Ein gewisses Alter ist somit eine notwendige aber sicherlich keine hinreichende Voraussetzung und die Gefahr einer sich einschleichenden Altersdemenz soll hier erst gar nicht weiter diskutiert werden. Festzuhalten ist aber, das für das Individuum Wissen nicht nur akkumulativ gesehen werden darf und die Aussage ‚einmal richtig gelernt = für immer gekonnt’, wird wohl niemand seriös für sich selbst unterschreiben.
Im Falle des Portals ‚Erfahrung-Deutschland.de’ ist auch nachzuvollziehen, dass es um den passenden Senior-Berater für die jeweilige Aufgabe in der Fremdorganisation geht. Bei dem gestuften Zusammenführungsprozess von Aufgaben- und Personalprofil wird einer Organisation Wissen von aussen zugeführt.
Nach Probst et. al. könnte man davon ausgehen, dass ein Wissensdefizit im Abgleich zu den Wissenszielen identifiziert wurde [Wissensidentifikation], welches in diesem Falle über einen qualifizierten Seniorexperten ausgeglichen wird [Wissenserwerb].

Probst, G./Raub, S./Romhardt, K.
Wissen managen. Wie Unternehmen ihre wertvollste Ressource optimal nutzen.
Wiesbaden: Gabler , 3. Aufl. 1999 , S. 58
( grafisch aufbereitet)
Nach Reinmann wird die Organisation um ein weiteres Individuum ergänzt, welches dann durch ihr Handeln Beiträge zu den 4 Phänomenbereichen [Wissensrepräsentation, Wissenskommunikation, Wissensgenerierung und Wissensnutzung] leisten kann.

Reinmann-Rothmeier, G.
Wissen managen: Das Münchener Modell.
München: Ludwig-Maximilians-Universität, Lehrstuhl für Empirische Pädagogik und Pädagogische Psychologie.
Forschungsbericht Nr. 131, Januar 2001 , S. 19
Fazit: Das Management des Wissens von älteren Menschen unterscheidet sich prinzipiell nicht von dem jüngerer Menschen. Immer ist zu überprüfen, ob das aktuelle Wissensangebot und Entwicklungspotential des Einzelnen den Anforderungen der Organisation entspricht. Droht ein Ausscheiden aus der Organisation, sei es aufgrund des Lebensalters oder einem anderen Grund, ist neben der regelmäßig stattfindenden Wissensweitergabe gegebenenfalls noch eine spezielle Phase des Wissenstransfers anzusetzen, so die Person ansonsten nicht vorhandenes Spezialwissen vorhält. Ein besonderes Management für ältere Menschen ist nicht erforderlich.
